Neue Zähne wachsen lassen

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Ein verlorener Zahn wächst beim Menschen normalerweise nicht wieder nach. Ist ein bleibender Zahn weg, bleiben bislang im Wesentlichen Zahnersatz, Brücke oder Implantat. Doch genau das könnte sich eines Tages ändern. Japanische Forscher arbeiten an einem Medikament, das den Körper dazu bringen soll, neue Zähne zu bilden. Neue Zähne wachsen lassen: Revolution oder Hype?

Was zunächst wie eine typische Sensationsmeldung aus sozialen Netzwerken klingt, hat tatsächlich einen wissenschaftlichen Hintergrund. Die Forschung ist real, erste Tests am Menschen haben bereits stattgefunden und eine weitere klinische Studie ist in Vorbereitung.

Trotzdem gilt: Von einem Medikament, mit dem sich heute beim Zahnarzt einfach ein neuer Zahn wachsen lässt, sind wir noch weit entfernt.

Die Idee: Eine natürliche Zahnbremse ausschalten

Im Mittelpunkt der Forschung steht ein Protein namens USAG-1. Dieses Protein beeinflusst wichtige Signalwege, die unter anderem bei der Entwicklung von Zähnen eine Rolle spielen.

Vereinfacht gesagt wirkt USAG-1 wie eine Art natürliche Bremse für die Zahnentwicklung.

Das japanische Forschungsteam um den Zahnarzt und Wissenschaftler Katsu Takahashi untersuchte deshalb, was passiert, wenn diese Bremse blockiert wird.

Dazu entwickelten die Forscher Antikörper, die gegen USAG-1 gerichtet sind.

Die Hoffnung: Wird die hemmende Wirkung von USAG-1 ausgeschaltet, könnten vorhandene, aber bislang inaktive Zahnanlagen aktiviert werden.

Das Prinzip unterscheidet sich damit grundlegend von einem Zahnimplantat. Ein Implantat ersetzt einen verlorenen Zahn durch ein künstliches System aus Implantatkörper und Zahnkrone. Die neue Therapie soll dagegen möglichst ermöglichen, dass der Körper eigenes Zahngewebe entwickelt.

Neue Zähne wachsen lassen: Bei Tieren funktioniert das Prinzip bereits

Die Grundlage für die heutige Entwicklung lieferten mehrere Tierstudien.

In einer 2021 veröffentlichten Untersuchung konnten Wissenschaftler zeigen, dass die Blockade von USAG-1 bei Mäusen mit angeborenen Störungen der Zahnentwicklung die Bildung von Zähnen fördern kann. In weiteren Experimenten wurden Antikörper gegen USAG-1 eingesetzt.

Die Ergebnisse zeigten, dass sich durch die Beeinflussung dieses Proteins Entwicklungsprozesse von Zähnen aktivieren lassen. (⁠PubMed)

Auch Untersuchungen mit einer anderen Methode, bei der die Produktion von USAG-1 mithilfe sogenannter siRNA reduziert wurde, lieferten Hinweise darauf, dass gehemmte Zahnentwicklung bei Mäusen teilweise wieder aktiviert werden kann. (⁠Nature)

Das ist wissenschaftlich durchaus bemerkenswert.

Allerdings gibt es eine entscheidende Einschränkung:

Was bei Mäusen funktioniert, funktioniert nicht automatisch auch beim Menschen.

Genau deshalb müssen solche Ansätze mehrere klinische Studienphasen durchlaufen.

Das Medikament heißt TRG035

Aus den Forschungsarbeiten entstand der experimentelle Wirkstoff TRG035.

Dabei handelt es sich um einen sogenannten humanisierten monoklonalen Antikörper gegen USAG-1. Entwickelt wird er von dem japanischen Biotechnologieunternehmen Toregem BioPharma, das aus dem Forschungsumfeld der Universität Kyoto hervorgegangen ist.

TRG035 soll USAG-1 neutralisieren und dadurch Zahnanlagen stimulieren, die sich normalerweise nicht weiterentwickeln.

Zunächst geht es dabei allerdings nicht um ältere Menschen, die durch Parodontitis oder Karies einen Zahn verloren haben.

Die ersten Patienten sollen Menschen mit angeborenem Zahnfehlen sein.

Erste Studie am Menschen abgeschlossen

Besonders interessant ist, dass die Forschung inzwischen tatsächlich beim Menschen angekommen ist.

In Japan wurde eine klinische Phase-I-Studie mit 30 erwachsenen Männern zwischen 30 und 64 Jahren durchgeführt.

Die Teilnehmer erhielten unterschiedliche Dosierungen von TRG035 beziehungsweise ein Placebo. Das Medikament wurde einmalig intravenös verabreicht.

Der wichtigste Untersuchungsgegenstand dieser ersten Studie war jedoch nicht, ob neue Zähne entstehen.

Untersucht wurden vor allem:

  • Sicherheit,
  • Verträglichkeit,
  • Verhalten des Wirkstoffs im Körper und
  • mögliche Antikörperreaktionen gegen das Medikament.

Die Studie ist inzwischen offiziell als abgeschlossen registriert. (⁠JRCT)

Das ist ein wichtiger Unterschied zu manchen Schlagzeilen im Internet.

Eine abgeschlossene Phase-I-Studie bedeutet nicht, dass bereits bewiesen wurde, dass Menschen mit dem Medikament neue Zähne wachsen lassen können.

Sie bedeutet zunächst, dass der Wirkstoff erstmals systematisch am Menschen untersucht wurde.

Jetzt folgt der entscheidende Schritt

2026 erreichte das Projekt eine weitere wichtige Entwicklungsstufe.

Toregem BioPharma kündigte eine Phase-IIa-Studie mit TRG035 an. Die japanische Arzneimittelbehörde PMDA schloss im August 2026 die Prüfung der entsprechenden Studienanmeldung ab. Anschließend sollten die beteiligten medizinischen Einrichtungen ihre jeweiligen Genehmigungsverfahren durchführen. (⁠Toregem)

Diese Studienphase wird deutlich interessanter.

Nun soll stärker untersucht werden, ob der Wirkstoff tatsächlich einen therapeutischen Effekt bei Menschen mit angeborenem Zahnfehlen erzielen kann.

Das Unternehmen hat außerdem mitgeteilt, dass es die klinische Entwicklung von TRG035 weiter ausbauen möchte.

Warum zunächst Menschen mit angeborenem Zahnfehlen?

Bei manchen Menschen werden einzelne bleibende Zähne überhaupt nicht angelegt oder entwickeln sich nicht vollständig.

Fehlen sechs oder mehr bleibende Zähne von Geburt an, spricht man von einer schweren Form der angeborenen Hypodontie beziehungsweise Oligodontie.

Für Betroffene kann das erhebliche Auswirkungen haben. Neben dem Aussehen können beispielsweise Kauen, Sprache, Kieferentwicklung und Ernährung betroffen sein.

Besonders bei Kindern und Jugendlichen besteht ein zusätzliches Problem: Klassische Zahnimplantate sind während des Kieferwachstums häufig noch keine geeignete Dauerlösung.

Deshalb wäre eine Behandlung, die eigene Zähne zur Entwicklung bringt, medizinisch besonders interessant.

TRG035 erhielt in Japan für die Behandlung schwerer angeborener Formen des Zahnfehlens bereits den Status eines sogenannten Orphan Drugs, also eines Arzneimittels für eine seltene Erkrankung. (⁠Toregem)

Besitzen Menschen tatsächlich eine „dritte Zahngeneration“?

Noch spannender wird die Forschung durch eine weitere Hypothese.

Menschen entwickeln normalerweise zunächst Milchzähne und anschließend die bleibenden Zähne.

Forscher vermuten jedoch, dass bei manchen Menschen zusätzlich rudimentäre Anlagen vorhanden sein könnten, aus denen theoretisch eine Art dritte Zahngeneration entstehen könnte.

Dass Menschen gelegentlich zusätzliche Zähne entwickeln, sogenannte überzählige Zähne, zeigt zumindest, dass das biologische System prinzipiell mehr Zähne hervorbringen kann als das normale Milch- und Dauergebiss.

Toregem untersucht deshalb langfristig, ob eine Blockade von USAG-1 solche Zahnanlagen aktivieren könnte. Das Unternehmen nennt ausdrücklich auch die mögliche spätere Behandlung von Menschen, die Zähne aufgrund von Karies, Unfällen oder anderen Ursachen verloren haben. (⁠Toregem)

Gerade für ältere Menschen wäre das natürlich besonders interessant.

Aber hier ist Zurückhaltung angebracht.

Für diese Anwendung gibt es bislang keinen klinischen Wirksamkeitsnachweis.

Könnten Zahnimplantate irgendwann überflüssig werden?

Theoretisch wäre das eine faszinierende Perspektive.

Ein eigener, biologisch entstandener Zahn hätte einige mögliche Vorteile gegenüber einem Implantat. Er könnte über eine natürliche Zahnwurzel verfügen und wäre über den Zahnhalteapparat mit dem Kiefer verbunden.

Ein natürlicher Zahn ist biologisch komplexer als ein Implantat.

Ob eine medikamentös ausgelöste Zahnbildung tatsächlich exakt an der gewünschten Stelle erfolgt, die richtige Form entwickelt, korrekt durchbricht und anschließend jahrzehntelang funktioniert, muss jedoch erst noch gezeigt werden.

Auch Fragen zur Dosierung und zu möglichen Nebenwirkungen sind noch nicht abschließend geklärt.

Von einem Ersatz der Implantologie zu sprechen, wäre deshalb derzeit reine Spekulation.

Was bedeutet die Forschung für Menschen über 50?

Gerade für die Leser von Doktor Fit ist die Entwicklung interessant.

Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, Zähne durch Parodontitis, Karies oder andere Erkrankungen zu verlieren. Heute können moderne Implantate, Brücken und Prothesen viele dieser Probleme gut lösen.

Eine Therapie, mit der sich tatsächlich eigene Zähne regenerieren ließen, könnte die Zahnmedizin langfristig grundlegend verändern.

Toregem nennt ausdrücklich auch die mögliche Behandlung erworbener Zahnverluste und die Bekämpfung sogenannter oraler Gebrechlichkeit im Alter als langfristiges Entwicklungsziel. (⁠Toregem)

Das bedeutet aber nicht, dass eine entsprechende Therapie kurz vor der Einführung steht.

Der erste Schwerpunkt liegt weiterhin auf seltenen angeborenen Erkrankungen.

Vorsicht vor übertriebenen Meldungen

In sozialen Netzwerken liest man inzwischen Aussagen wie:

„Japanische Forscher lassen Menschen neue Zähne wachsen.“

Das ist derzeit nicht korrekt.

Richtig ist:

Japanische Wissenschaftler haben einen biologischen Mechanismus identifiziert, über den Zahnentwicklung beeinflusst werden kann. In Tiermodellen wurden damit bereits vielversprechende Ergebnisse erzielt. Ein daraus entwickelter Antikörper wurde inzwischen in einer ersten klinischen Studie am Menschen untersucht, und die weitere klinische Entwicklung läuft.

Noch nicht bewiesen ist dagegen, dass sich damit bei Erwachsenen zuverlässig ein komplett neuer, gesunder und dauerhaft funktionsfähiger Zahn erzeugen lässt.

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Neue Zähne wachsen lassen: Keine Fake News – aber noch Zukunftsmusik

Die Meldung über ein japanisches Medikament zum Nachwachsen von Zähnen ist keine Fake News.

Hinter ihr steht seriöse wissenschaftliche Forschung, die inzwischen von Tierversuchen bis zu klinischen Studien am Menschen fortgeschritten ist.

Gleichzeitig wird die Geschichte in sozialen Medien häufig stärker dargestellt, als es der aktuelle Forschungsstand zulässt.

Bislang gibt es keinen allgemein verfügbaren Wirkstoff, mit dem ein verlorener Zahn beim Menschen einfach nachwächst.

Ob TRG035 dieses Ziel tatsächlich erreichen kann, müssen die kommenden klinischen Studien zeigen.

Sollte das gelingen, wäre die Bedeutung allerdings enorm. Statt einen fehlenden Zahn lediglich durch Kunststoff, Keramik oder Titan zu ersetzen, könnte die Zahnmedizin irgendwann versuchen, den Körper dazu zu bringen, einen eigenen neuen Zahn zu bilden.

Und genau deshalb lohnt es sich, diese Forschung weiter zu beobachten.